Zürich, die reichste Bankenstadt Europas, öffnet seit 2020 ihre dunklen Archive für neugierige Besucher — und was zum Vorschein kommt, ist weit entfernt vom Bild makelloser Ordnung und gepflegter Seepromenaden.
Eine Stadt, zwei Gesichter
Wer glaubt, Zürichs Geschichte beginne mit Privatbanken und Schokolade, irrt sich gründlich. Bereits im Mittelalter war die heutige Weltstadt Schauplatz von Hexenverfolgungen, öffentlichen Hinrichtungen und staatlich legitimierter Folter. Die Spuren davon lassen sich noch heute in der Altstadt ablesen — wenn man weiß, wo man suchen muss.
Genau hier setzen Zürichs Krimitouren an. Mehrere Anbieter haben die verborgene Kriminalgeschichte der Stadt aufgearbeitet und bieten unterschiedliche Formate für Einzelreisende, Paare und Gruppen.
Die Touren im Überblick
Die dunkle Seite von Zürich ist laut GetYourGuide das beliebteste Mystery- und Krimi-Erlebnis der Stadt für 2026. Die selbstgeführte Audiotour startet am Paradeplatz — ausgerechnet dort, wo heute Milliarden in Tresoren lagern. Mit Smartphone und Kopfhörer bewegt man sich durch die Altstadt und erfährt, dass an diesem Platz einst Zürcher Henker ihren Lohn kassierten. An der Wasserkirche erfährt man von Geschwistern, die wegen ihres Glaubens geköpft wurden. Vor dem Grossmünster — dem Wahrzeichen der Stadt — wird aufgedeckt, dass das Gebäude auch als Zentrum für Anleitungen zur Hexenerkennung und Folter diente. An einem unscheinbaren Haus in der Altstadt wurde eine wohlhabende Zürcherin wegen angeblicher Hexerei hingerichtet. Ein anderes Gebäude markiert den Wirkungsort eines Richters, der während der Hochphase der Hexenverfolgungen selbst zum Ziel von Rache wurde. Den erschütterndsten Moment liefert ein ehemaliger Folterort, an dem eine Frau in lediglich 26 Tagen 15 Mal gefoltert wurde — dokumentiert, real, mitten in der Stadt. Die Tour ist auf Deutsch verfügbar; den Buchungslink findet man direkt bei GetYourGuide.
Kriminelles Zürich von Maulhelden (Bloomlight Productions GmbH) ist eine geführte Outdoor-Tour, die 2020 startete und seitdem als Kulttour gilt. Hier liegt der Schwerpunkt auf der neueren Kriminalgeschichte: Eine Zürcher Epoche, die an Bonny und Clyde erinnert, RAF-Terroristen, die während des Deutschen Herbstes in der Schweiz operierten, der erste dokumentierte große Mobbingfall der Schweiz sowie Milieudelikte aus einer Zeit, bevor Zürich zur «gay-friendliest city in Europe» wurde — all das gehört zum Programm. Die Tour dauert ein bis zwei Stunden, ist auf Deutsch, Englisch und Spanisch verfügbar und kostet ab CHF 590 für eine Gruppe. Buchungen und Anfragen laufen über maulhelden.ch oder myswitzerland.com.
Krimi-Trail Zürich light ist ein selbststartbarer Krimi-Spaziergang, der am Rennweg 35 beginnt. Er dauert zwischen 75 und 105 Minuten und kostet CHF 30 für bis zu fünf Personen, zuzüglich CHF 6 pro weitere Person. Das Format eignet sich besonders für spontane Besuche ohne Voranmeldung. Details unter krimi-trails.ch.
Stadtkrimi Zürich bietet mit drei bis vier Stunden das umfangreichste Erlebnis: Einführung, aktive Ermittlungen und eine abschließende Auflösung. Verfügbar auf Schweizerdeutsch, Deutsch, Englisch und Französisch. Informationen und Buchung über stadt-krimi.ch.
Praktische Hinweise
Alle vier Touren finden im Freien statt — festes Schuhwerk und wetterfeste Kleidung sind empfehlenswert, besonders im Herbst und Winter. Für die Audiotour von GetYourGuide wird ein aufgeladenes Smartphone benötigt. Wer die geführte Maulhelden-Tour buchen möchte, sollte frühzeitig Kontakt aufnehmen: Zollikerstrasse 265, 8008 Zürich, Telefon +41 (0)77 529 53 23. Preise für die GetYourGuide-Audiotour und den Stadtkrimi Zürich sind nicht öffentlich ausgewiesen — bitte direkt beim jeweiligen Anbieter anfragen.
Warum Zürich?
Die Stadt ist ein Paradoxon: maximale Kontrolle, maximale Diskretion — und genau darin liegt das kriminelle Potenzial. Bargeldströme, die im Verborgenen fließen. Institutionen, die jahrhundertelang Recht und Unrecht selbst definierten. Eine Gesellschaft, die nach außen hin funktioniert und nach innen ihre Abgründe sorgsam verwaltet. Die Krimitouren Zürichs machen diesen Widerspruch spürbar — Gasse für Gasse.