
Das Kartell — Nils Minkmar über den NSU-Prozess
Ein zeithistorisches Dokument über Deutschlands komplexesten Terrorprozess
Quick Facts
Nils Minkmar hat mit seinem Buch "Das Kartell" eine der wichtigsten Chroniken des NSU-Strafprozesses vorgelegt, der von 2013 bis 2018 vor dem Oberlandesgericht München stattfand. Als Prozessbeobachter dokumentierte der renommierte Journalist und Autor einen der längsten und komplexesten Strafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte — und zeichnet dabei das Bild eines Systems, das an seinen eigenen Widersprüchen zu scheitern droht.
Die Anatomie eines Staatsversagens
Im Zentrum von Minkmars Analyse steht nicht nur die Mordserie des Nationalsozialistischer Untergrund, sondern vor allem die Frage, wie ein rechtsextremes Terrornetzwerk über ein Jahrzehnt hinweg unbehelligt morden konnte. Zwischen 2000 und 2007 töteten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zehn Menschen — neun aus rassistischen Motiven, einen Polizisten. Das Buch macht deutlich: Dies war nur möglich durch ein beispielloses Versagen von Polizei, Verfassungsschutz und anderen Sicherheitsbehörden.
Minkmar beschreibt minutiös, wie Ermittler jahrelang in die falsche Richtung ermittelten, Opferfamilien verdächtigten und Rechtsextremismus als Tatmotiv systematisch ausschlossen. Der Titel "Das Kartell" verweist dabei auf eine verstörende These: Die Vernetzung von V-Leuten, Behörden und rechtsextremen Strukturen habe ein System geschaffen, das eher einer kriminellen Organisation als rechtsstaatlichen Institutionen glich.
Der Prozess als Schauspiel der Ohnmacht
Über 430 Verhandlungstage erstreckte sich der Prozess gegen die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und vier Unterstützer. Minkmar war regelmäßig im Gerichtssaal anwesend und schildert die kafkaeske Atmosphäre: eine schweigende Angeklagte, die erst am 438. Verhandlungstag eine Erklärung abgab; Nebenklage-Anwälte, die verzweifelt um Aufklärung kämpften; und eine Beweisaufnahme, die mehr Fragen aufwarf als beantwortete.


