Der Süddeutsche-Zeitung-Journalist Tanjev Schultz veröffentlichte im Februar 2021 "NSU – Die Akten: Was die Behörden wussten" und legte damit die bislang umfassendste Dokumentation des Behördenversagens im NSU-Komplex vor. Das 480 Seiten starke Werk basiert auf über 1.000 Aktenseiten aus Verfassungsschutzakten, die Schultz zwischen 2019 und 2020 über das Informationsfreiheitsgesetz erstritten hatte. Am 17. November 2021 wurde das Buch mit dem Deutschen Sachbuchpreis in der Kategorie Geschichte ausgezeichnet.
Was der Verfassungsschutz wusste – und verschwieg
Die Chronologie des Wissens ist erschütternd: Bereits 1998 berichtete der V-Mann "Tarek" (Tarik S.) dem Verfassungsschutz Baden-Württemberg von Uwe Mundlos' Fluchtplanung. Der Geheimdienst wusste von der Verbindung zwischen Mundlos und dem späteren NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben – acht Jahre bevor NSU seine Mordserie begann.
2000 traf V-Mann "Corelli" (Thomas Starke) Mundlos und Uwe Böhnhardt persönlich in Chemnitz und meldete deren Untertauchen. 2006 notierte der Verfassungsschutz BW das "Dreierpack" – Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe – als gesucht, während V-Mann "Irak" (Andreas Rachhausen) sogar von einer Wohnadresse in Zwickau wusste. 2007 lieferte BfV-V-Mann "Mario" (Carsten S.) ein Cebit-Foto von Zschäpe – doch der Verfassungsschutz BW ignorierte die NSU-Verbindung trotz BKA-Hinweis.
Während dieser Jahre ermordete der NSU zehn Menschen: neun Migranten und eine Polizistin. Die Behörden verfolgten stattdessen die rassistische "Döner-Morde"-Theorie und verdächtigten die Opferfamilien selbst.
29 V-Männer und systematische Aktenvernichtung
Schultz' Recherchen identifizieren 29 V-Leute im NSU-Umfeld. Die Akten belegen ein Muster: Kritische Informationen wurden systematisch nicht an BKA oder Polizei weitergegeben. Noch skandalöser: 2011, unmittelbar nach der Selbstenttarnung des NSU am 4. November, vernichtete der Verfassungsschutz Baden-Württemberg 300 Aktenordner.
"Die Zertrümmerung der Akten war kein Versehen, sondern System", schreibt Schultz. Die Geheimdienste schützten ihre V-Mann-Strukturen – auf Kosten von Menschenleben. Keine Fahndungsanpassung erfolgte, obwohl konkrete Hinweise auf Aufenthaltsorte vorlagen. Die Frage, ob V-Männer direkt in NSU-Taten involviert waren, bleibt durch die Aktenvernichtung unbeantwortet.
Reaktion des politischen Berlins
Die Veröffentlichung löste am 16. Februar 2021 politische Erschütterungen aus. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) bezeichnete die Enthüllungen als "schockierend und beschämend" und forderte eine Neuauswertung aller NSU-Akten. Der damalige NSU-Ausschussvorsitzende Alexander Dobrindt (CSU) erklärte am 17. Februar 2021 im Bundestag: "Das Buch bestätigt das totale Versagen."
Trotz dieser Bekenntnisse folgte kein neuer Untersuchungsausschuss. Die einzige konkrete Maßnahme: eine Empfehlung zur Digitalisierung der Akten. Für die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden der NSU-Anschläge bleibt dies eine weitere Enttäuschung in einer endlosen Kette des institutionellen Versagens.
Bedeutung für die Aufarbeitung
Ralf Wohlleben wurde 2018 zu zehn Jahren Haft verurteilt und 2024 freigelassen. Beate Zschäpe verbüßt lebenslange Haft nach dem Urteil des OLG München vom 11. Juli 2018, bestätigt durch den BGH am 20. August 2021. Doch die Rolle der Geheimdienste blieb weitgehend im Dunkeln – bis Schultz' Buch.
Die Dokumentation zeigt: Der NSU war kein isoliertes Terrornetzwerk, das im Verborgenen agierte. Er operierte im Schatten eines Verfassungsschutzes, der alles wusste und nichts tat. Schultz' Verdienst liegt in der akribischen Chronologie dieses Versagens, die keine Ausflüchte mehr zulässt. Das Buch ist damit nicht nur historische Dokumentation, sondern Anklage gegen ein System, das den Schutz seiner Strukturen über den Schutz von Menschenleben stellte.