Jens Söring, Sohn des deutschen Diplomaten Klaus Söring, verbüßte 33 Jahre in amerikanischen Gefängnissen für einen Doppelmord, den er bis heute bestreitet — und die Netflix-Serie „Jens Söring: Tödliche Leidenschaft" (2023) stellt Fragen, die die True-Crime-Gemeinde spalten: War wirklich der deutsche Student der Killer, oder wurde ein brillanter Mann zum Opfer einer tragischen Justizironie?
Die Nacht der Messer: 30. März 1985
In der Nacht vom 30. März 1985 drangen Unbekannte in das Haus der Familie Haysom in Oak Terrace Lane 421 in Bedford County, Virginia ein. Derek Haysom, 72 Jahre alt, und seine Frau Nancy, 43, wurden ermordet — mit einem Rasiermesser erstochen. Die Zahlen sind brutal: Derek erlitt 36 Stichverletzungen, Nancy 38. Die Leichen wurden von Nachbarn entdeckt, die Ermittlung lief sofort an.
Das Bedford County Sheriff's Office und das FBI begannen, Verdächtige zu identifizieren. Schnell fokussierten sie auf Elizabeth Haysom — die Tochter des Paares — und ihren Freund, einen 19-jährigen Deutschen namens Jens Söring, der unter falscher Identität in die USA eingereist war und sich an der University of Virginia aufhielt.
Die verbotene Liebe und der Betrug
Söring und Haysom hatten sich 1984 an der University of Virginia kennengelernt und waren schnell ein Paar. Doch ihre Beziehung war geprägt von finanziellen Zwängen und einer dysfunktionalen Familie: Nancys Beziehung zu ihren Eltern war angespannt, Derek war dominierend. Im April 1985 — kurz nach dem Mord — flohen die beiden. Sie begannen, Schecks zu fälschen, um ihr Leben zu finanzieren, und reisten über London, Bangkok und Nepal.
Elizabeth Haysom fasste später Mut und gestand der Polizei in Asien: Sie habe die Morde geplant, um sich von ihren Eltern zu „befreien". Sie nannte Söring als den eigentlichen Ausführenden. Söring behauptete dagegen, dass Haysom die Mörderin war und er nur eine passive Rolle spielte — oder sogar unbeteiligt war.
Die Verurteilung: Juni 1986
Der Prozess in Bedford County Circuit Court im Juni 1986 war kurz und präzise. Die Anklage präsentierte:
- DNA-Spuren: Blut der Opfer wurde in Söring's Auto gefunden
- Fingerabdrücke: Übereinstimmungen an Tatorten
- Lügendetektortests: Söring scheiterte die Tests
- Flucht und Geständnis: Die gemeinsame Flucht und Haysoms Geständnis wurden als Mittäterschaft interpretiert
Söring wurde der Mittäterschaft schuldig gesprochen und erhielt zwei lebenslange Haftstrafen ohne Bewährung. Elizabeth Haysom plädierte schuldig als „accessory before the fact" — also als Gehilfin — und bekam 90 Jahre. Die Unterschiede in den Strafen blieben lange umstritten: War Söring wirklich der Mörder, oder war Haysom es?
True Crime Justizirrtümer — in diesem Fall wurden zentrale Fragen nie vollständig beantwortet.
33 Jahre in Augusta Correctional Center
Jens Söring saß von 1986 bis 2019 in der Augusta Correctional Center in Virginia. In dieser Zeit passierte etwas Unerwartetes: Der verurteilte Mörder wurde zum Modellgefangenen. Er konvertierte zum Katholizismus, erwarb einen Bachelor- und später einen Master-Abschluss, unterrichtete andere Häftlinge als Tutor. Sein Fall wurde international bekannt — auch weil die Fakten so widersprüchlich waren.
Mehrfach versuchte Söring, seine Verurteilung anzufechten. Der Supreme Court of Virginia lehnte Berufungen ab, aber sein Fall zog internationale Aufmerksamkeit an. Deutsche Diplomaten hielten sich bedeckt — sein Vater Klaus Söring war in den 1980ern als Konsul in Atlanta tätig, und ein internationaler Skandal hätte nicht nur die Familie, sondern auch deutsche diplomatische Beziehungen beschädigt.
Die überraschende Freilassung: November 2019
Am 17. November 2019 geschah das Unerwartete: Virginia Gouverneur Ralph Northam (Demokrat) veranlasste Söring's Freilassung aufgrund von Good Time Credits und einer Clemency-Verfügung. In einer Pressemitteilung hieß es: „Nach 33 Jahren... ist es Zeit für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit."
Zwei Tage später, am 19. November 2019, wurde Söring nach Deutschland abgeschoben — Hamburg war sein Ziel. Die Bedingung war einfach: Er durfte nie wieder in die USA einreisen.
Die Freilassung war politisch heikel. Opferanwälte protestierten, aber Northam stand hinter seiner Entscheidung. Söring's Anwälte argumentierten, dass die DNA-Beweise möglicherweise fehlerhaft waren (ein Argument, das später von Forensik-Experten teilweise gestützt wurde), und dass Haysom's Geständnis unter Druck erfolgt sein könnte.
Netflix und die Neubewertung: November 2023
Am 7. November 2023 — genau vier Jahre nach Söring's Freilassung — veröffentlichte Netflix die dreiteilige Dokumentarserie „Jens Söring: Tödliche Leidenschaft" (Original: „Crime Scene: The Virginia Creeper Murders"). Regie führte der deutsche Filmemacher Eric Friedler, bekannt für kritische Investigativ-Dokumentationen.
Die Serie deckt den Fall neu auf: Sie zeigt Archive aus den 1980ern, Interviews mit Söring und anderen Beteiligten, und stellt forensische Fragen, die bis 2019 nicht vollständig beantwortet wurden. Sie präsentiert zwei mögliche Szenarien:
1. Söring ist schuldig: DNA-Spuren, Lügendetektor, gemeinsame Flucht und Haysom's Geständnis belasten ihn schwer.
2. Haysom ist schuldig, Söring ist Sündenbock: Ein diplomatischer Druck könnte Söring zur Schuldübernahme bewogen haben, während Haysom (die Tochter, die später Karriere machte) eine mildere Strafe erhielt.
Netflix True Crime Serie hat mit dieser Doku eine Debatte neu eröffnet, die in Deutschland, Großbritannien und den USA intensiv geführt wird.
Die offenen Fragen
Söring bestreitet bis heute die Tat. Er lebt in Deutschland, hat ein Buch geschrieben, und gibt Interviews. Elizabeth Haysom wurde 2014 vorzeitig entlassen und lebt ebenfalls im Verborgenen. Die Opfer, Derek und Nancy Haysom, sind längst vergessen — ihre Ungerechtigkeit steht im Zentrum des Falls.
Die wahre Geschichte bleibt rätselhaft. War es ein Fall von Justiz, die einen Unschuldigen hinter Gitter brachte? Oder ein Fall, in dem ein schuldiger Diplomat-Sohn von seiner Nationalität profitierte? Die Netflix-Serie bietet keine definitive Antwort — sie zeigt nur, wie komplex solche Fälle sind, wenn Familie, Liebe und internationale Diplomatie aufeinanderprallen.