Ein Film, der die Grenzen des Erträglichen testet
Fatih Akins Film "Der Goldene Handschuh" feierte am 23. Oktober 2019 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Uraufführung und löste sofort heftige Reaktionen aus. Einen Tag später startete der Film in deutschen Kinos und konfrontierte das Publikum mit einer der verstörendsten Verfilmungen deutscher Kriminalgeschichte. Basierend auf Heinz Strunks gleichnamigem Roman aus dem Jahr 2016, erzählt der Film die Geschichte des Hamburger Serienmörders Fritz Honka, der zwischen 1971 und 1974 mindestens vier Frauen in seiner Wohnung in der Zeißstraße 74 in St. Pauli ermordete.
Der Regisseur wählte einen kompromisslosen Ansatz: keine Beschönigung, keine künstlerische Verfremdung, keine emotionale Distanz. "Ich wollte nicht beschönigen, sondern die Hölle zeigen, wie sie war", erklärte Akin bei der Pressekonferenz in Venedig. Das Ergebnis war ein Film, der selbst hartgesottene Kritiker an ihre Grenzen brachte.
Jonas Dassler wird Fritz Honka
Die zentrale Leistung des Films ist die Transformation von Jonas Dassler in den alkoholkranken Mörder. Die Maskenbildnerinnen Maike Heinlein und Lisa Edelmann arbeiteten täglich stundenlang an Prothesen, Hautfärbungen und speziellen Kontaktlinsen, um Dassler in den kleinen, verwachsenen Mann mit der verschobenen Schädeldecke zu verwandeln, der Honka war. Das Ergebnis war so verstörend realistisch, dass Stern-Journalisten die Maske als "erschreckend authentisch" beschrieben.
Neben Dassler überzeugten Marc Hosemann als Siegfried, Oreste Camillo als Willi sowie Katja Danowski und Martina Eitner-Acheampong als zwei der Opfer in der Darstellung des heruntergekommenen Hamburger Milieu der 1970er-Jahre. Die Kneipe "Zum Goldenen Handschuh", Honkas Stammlokal, wurde originalgetreu nachgebaut – ein Ort von Armut, Alkoholismus und Verzweiflung.
Auszeichnungen trotz Kontroversen
Der Deutsche Filmpreis 2020 würdigte Akins Arbeit mit drei Auszeichnungen: Beste Regie für Fatih Akin, Bester Schnitt für Andrew Bird und Bester Ton für Olaf Calderon Music. Die Jury erkannte die handwerkliche Meisterleistung an, auch wenn die öffentliche Debatte über den Film kontrovers blieb.
International erhielt der Film gemischte Kritiken. Auf Rotten Tomatoes erreichte er 57 Prozent positive Bewertungen bei 51 Kritiken, die Zuschauerwertung lag bei 64 Prozent. In Deutschland vergaben Nutzer auf Filmstarts.de durchschnittlich 3,4 von 5 Sternen. Gelobt wurde vor allem die schauspielerische Leistung Dasslers und die visuelle Konsequenz, mit der Akin sein düsteres Bild zeichnete.
Die Debatte um den guten Geschmack
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung warf dem Film vor, in "Pöbelei" und "Gratisschock" abzugleiten, ohne die Sensationsgier zu reflektieren, die True-Crime-Stoffe oft bedienen. Der Spiegel nannte "Der Goldene Handschuh" zwar "ekelerregend", aber auch "ehrlich". Die zentrale Frage lautete: Wo verläuft die Grenze zwischen notwendigem Realismus und voyeuristischer Gewaltdarstellung?
Die FSK gab den Film ab 16 Jahren frei – eine Entscheidung, die zeigt, dass keine jugendschutzbedenklichen Inhalte identifiziert wurden, auch wenn der Film emotional schwer zu ertragen ist. Akin selbst verteidigte seinen Ansatz: Er habe die Realität zeigen wollen, wie sie war – ohne Filter, ohne Romantisierung. Das Serienmörder-Genre im Kino lebe oft von Ästhetisierung; sein Film sollte das Gegenteil sein.
Der historische Fall Fritz Honka
Fritz Heinrich Honka wurde am 23. April 1938 in Ostpreußen geboren und wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Als Erwachsener lebte er in Hamburg-St. Pauli in einer 18 Quadratmeter großen Wohnung. Zwischen 1971 und 1974 ermordete er vier Frauen: Anna Strumbke (52, 1971), Ingeborg Gerlich (41, 1972), Maria Struck (42, 1974) und Frieda Tack (63, 1974). Alle Opfer waren Prostituierte oder obdachlose Frauen aus dem Umfeld der Reeperbahn.
Honka zerstückelte die Leichen in seiner Wohnung und versuchte, Teile zu verbrennen. Der Verwesungsgeruch führte am 17. Juli 1975 zur Entdeckung der Taten. Das Landgericht Hamburg verurteilte ihn am 9. Dezember 1976 zu lebenslanger Freiheitsstrafe wegen vierfachen Mordes. Er verstarb 1998 im Gefängnis an Lungenkrebs.
Fazit: Ein Film, der polarisiert
"Der Goldene Handschuh" bleibt ein Film, der spaltet. Er zeigt die dunkle Seite Hamburgs ohne jede Romantik und konfrontiert das Publikum mit der Frage, wie viel Realität im Kino erträglich ist. Fatih Akins Werk ist keine leichte Kost, aber ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über True-Crime im Film – und über die Verantwortung von Filmemachern, wenn sie reale Verbrechen verarbeiten.