Entstehung und Hintergrund
Die Rote Armee Fraktion (RAF) entstand 1970 in der Bundesrepublik Deutschland als radikale Reaktion auf das, was ihre Mitglieder als imperialistische US-Außenpolitik und kapitalistische Unterdrückung empfanden. Die Organisation entsprang der Studentenbewegung und den linksextremen Protesten gegen den Vietnamkrieg sowie gegen vermeintlich faschistische Züge des westdeutschen Staates.
Die Gründer – Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Astrid Proll – waren junge Intellektuelle, die den bewaffneten Kampf als einzigen Weg zur Revolution ansahen. Sie argumentierten, die westdeutsche Nachkriegsdemokratie habe sich nicht ausreichend vom Erbe des Nationalsozialismus distanziert und setze die Unterdrückung durch Polizei und Militär fort.
Der Name "Rote Armee Fraktion" sollte an eine Fraktion der sowjetischen Roten Armee erinnern und den revolutionären Anspruch der Gruppe unterstreichen. Die RAF verstand sich als Teil einer weltweiten antiimperialistischen Bewegung.
Struktur und Ideologie der Organisation
Die RAF operierte als dezentrale Guerillaorganisation mit kleinen Zellen, die autonom, aber koordiniert arbeiteten. Die Mitglieder wurden in Waffengebrauch, Sprengstoffhandhabung und Militärtaktik geschult, oft mit Unterstützung palästinensischer Organisationen und von Ostblockstaaten.
Ideologisch verband die RAF Marxismus-Leninismus mit Antiimperialismus. Die Terroristen sahen sich als Teil eines globalen Befreiungskampfes gegen den Imperialismus und solidarisierten sich mit Befreiungsbewegungen in Palästina, Vietnam und anderen Regionen. Ihre Manifeste kritisierten sowohl die Rolle des Kapitalismus als auch die der NATO in der Weltpolitik.
Die Organisation finanzierte sich hauptsächlich durch Banküberfälle und erhielt zeitweise logistische Unterstützung aus der DDR, wo einige RAF-Mitglieder nach dem Mauerfall unter falscher Identität lebten.
Hauptanschläge und Aktionen
Frühe Phase (1970–1977)
Die erste spektakuläre Aktion der RAF war die Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz im Februar 1975. Die Terroristen forderten die Freilassung inhaftierter RAF-Mitglieder. Der Staat gab nach: Fünf Gefangene wurden freigelassen und nach Jemen ausgeflogen.
Im Jahr 1977 – bekannt als "Deutscher Herbst" – eskalierte die Gewalt dramatisch. Am 5. September entführte ein RAF-Kommando den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Die Terroristen forderten die Freilassung von elf inhaftierten RAF-Mitgliedern, darunter Andreas Baader.
Am 13. Oktober 1977 kaperten palästinensische Terroristen in Zusammenarbeit mit der RAF die Lufthansa-Maschine "Landshut" (Flug 181) mit 86 Passagieren und Besatzung an Bord. Sie forderten ebenfalls die Freilassung der RAF-Häftlinge. Die Krise endete, als die deutsche Spezialeinheit GSG 9 das Flugzeug am 18. Oktober in Mogadischu stürmte und alle Geiseln befreite.
Noch in der gleichen Nacht wurden Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin tot in ihren Zellen im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim aufgefunden. Offiziell wurde Suizid festgestellt, doch RAF-Sympathisanten behaupteten bis heute, der Staat habe die Gefangenen ermordet. Tags darauf wurde Hanns Martin Schleyer von seinen Entführern erschossen.
Spätere Phase (1977–1998)
Eine neue Generation von RAF-Mitgliedern setzte den Kampf in den 1980er Jahren fort. Am 31. August 1981 versuchte die RAF, bei der US-Luftwaffenbasis Ramstein einen Bombenanschlag zu verüben. Der Anschlag schlug fehl, erhöhte aber den Fahndungsdruck erheblich.
In den folgenden Jahren verübte die RAF weitere Attentate, darunter Morde an Wirtschaftsvertretern und NATO-Militärs. Am 1. Februar 1985 ermordeten RAF-Terroristen den Rüstungsmanager Ernst Zimmermann, am 9. Juli 1986 den Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts.
Die dritte RAF-Generation weitete ihre Aktivitäten auf andere europäische Länder aus. In Italien kooperierte sie mit den Brigate Rosse (Roten Brigaden), in Frankreich fanden einzelne Mitglieder zeitweise Unterschlupf, da die französische Regierung unter François Mitterrand politisches Asyl für bestimmte Terroristen gewährte.
Am 30. November 1989 ermordete die RAF den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen mit einer hochkomplexen Sprengfalle. Es war einer der professionellsten Anschläge der Organisation und zeigte ihre fortdauernde Gefährlichkeit.
Fahndung und Zerschlagung
Das Bundeskriminalamt (BKA), Landespolizeien und Nachrichtendienste führten eine der größten Fahndungsoperationen der deutschen Geschichte durch. Rasterfahndungen, Kontaktsperregesetze und eine umfassende Überwachung prägten die Ermittlungen.
Schrittweise wurden führende RAF-Mitglieder verhaftet oder getötet. Ulrike Meinhof, eine der führenden Köpfe der ersten Generation, wurde 1976 tot in ihrer Zelle gefunden – offiziell Suizid. Viele Terroristen wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.
Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 verlor die RAF zunehmend an Rückhalt. Die ideologische Basis bröckelte, die internationale Unterstützung schwand. In den 1990er Jahren verübte die RAF nur noch vereinzelte Anschläge.
Das Ende der RAF
Am 27. April 1998 verkündete die RAF in einem achtseitigen Schreiben ihre Auflösung. Die Organisation übernahm darin die Verantwortung für mehr als 100 Anschläge und 34 Todesfälle, verwies aber auf die veränderte geopolitische Situation nach dem Ende des Kalten Krieges.
Die Erklärung markierte das offizielle Ende einer fast drei Jahrzehnte währenden Terrorherrschaft, die Deutschland tief geprägt hatte. Bis heute sind nicht alle RAF-Verbrechen aufgeklärt, und einige ehemalige Mitglieder sind untergetaucht.
Die juristische Aufarbeitung dauerte noch Jahre. Mehrere ehemalige RAF-Terroristen wurden später aus der Haft entlassen, darunter Christian Klar (2008) und Birgit Hogefeld (2011). Andere, wie Verena Becker, arbeiteten mit den Behörden zusammen.
Vermächtnis und Nachwirkungen
Die RAF hinterließ tiefe Spuren in der deutschen Gesellschaft. Die Debatte über den Umgang mit Terrorismus, über Bürgerrechte versus Sicherheit und über die Grenzen des Rechtsstaats prägt Deutschland bis heute. Die Einführung von Kontaktsperregesetzen, verschärften Sicherheitsgesetzen und erweiterten Überwachungsbefugnissen geht direkt auf die RAF-Zeit zurück.
Für viele Deutsche symbolisiert die RAF die dunkelste Seite der 68er-Bewegung und zeigt, wie aus politischem Idealismus blutiger Terror werden kann. Die moralische und politische Auseinandersetzung mit diesem Kapitel deutscher Geschichte ist noch nicht abgeschlossen.
Die RAF bleibt ein Mahnmal dafür, wie eine demokratische Gesellschaft mit politischem Extremismus und Terrorismus umgehen muss, ohne dabei ihre eigenen Werte zu verraten.